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Praxedis Kaspar
Das Bundesamt für Gesundheit gibt den Anstoss, die Kantone machen mit: Die Dialogwoche Alkohol beginnt übermorgen auch in Schaffhausen. Alkoholmissbrauch soll nicht länger ein Tabu sein.
Es wundert nicht, dass der Kanton Schaffhausen gleich drei interessante Vorträge sowie Informations- und Standaktionen zum Thema Alkohol anbietet, gibt es doch in der Stadt Schaffhausen mehrere Einrichtungen mit erfahrenen und engagierten Fachpersonen, die sich um Suchtprävention kümmern: Als Veranstalter der vom Bundesamt für Gesundheit angeregten Dialogwoche zeichnen denn auch der VJPS (Verein für Jugendfragen, Prävention und Suchthilfe), die Jugendberatung der Stadt Schaffhausen sowie die Beratungsstelle für Partnerschaft und Schwangerschaft verantwortlich, unterstützt von reformierten Kirchgemeinden, die ihre Räume für Veranstaltungen zur Verfügung stellen. Dezentral organisiert werden die Informationsstände, schliesslich möchte man möglichst nahe an die Bevölkerung herankommen: Am Dienstag, 21. 5., vor der Neuhauser Migros; am Mittwoch, 22. 5., in Stein am Rhein auf dem Rathausplatz und am 23. 5. in Neunkirch vor der Gemeindeverwaltung. Es werden Fachleute vor Ort ansprechbar sein, Informationsmaterial liegt auf.
Mitten ins Problem führt der Vortrag vom 22. Mai um 19.30 Uhr in der Zwinglikirche: Die Psychotherapeutin Charlotte Kläusler-Senn spricht zum Thema 'Alkohol in der Familie', in der anschliessenden Diskussion werden weitere Informationen gegeben, und es ist Gelegenheit, Fragen zu stellen oder eigene Erfahrungen einzubringen. Dass Alkoholismus nicht einfach eine Sache für Verlierer ist, zeigt der Psychiater Andreas Canziani mit seinem Vortrag zur überraschenden Wandlung des Schock-Rockers Alice Cooper am Donnerstag, 23. Mai, um 19.30 Uhr im Kirchgemeindehaus Trüllenbuck in Herblingen. Die vielen Hörproben und biografischen Informationen dürften auch für ein jüngeres Publikum attraktiv sein. 'Der Trinker' von Hans Fallada ist ein Stück Literatur, das ungeschminkt und detailliert den Abstieg eines erfolgreichen Kaufmanns beschreibt, der dem Alkohol verfällt. Gelesen wird der Text von Pfarrer Wolfram Kötter, ebenfalls in der Zwinglikirche. Sämtliche Veranstaltungen sind unentgeltlich. Zu den guten Ideen der landesweiten Präventionskampagne gehört auch eine App namens 'After Party' zum Herunterladen für Smartphones und Tablets, die ohne moralischen Zeigefinger mit ein paar Mythen rund um Alkohol und Strassenverkehr aufräumt.
Traurig und teuer Bei den genannten öffentlichen Veranstaltungen geht es nicht darum, einzig die schwere Sucht ins Zentrum zu stellen, vielmehr liegt es Behörden und Fachstellen daran, die Bevölkerung zum Nachdenken anzuregen über einen vernünftigen Konsum des Genussmittels Alkohol, und zwar so, dass niemand Schaden erleidet. In einem Land, in dem jeder fünfte Mensch seinen Alkoholkonsum nicht im Griff hat, ist es wichtig, in Dialog zu treten auf möglichst vielen Ebenen: in der Familie, am Arbeitsplatz, unter Freunden und Kollegen – überall geht es darum, jene Grenze wahrzunehmen, die den Genuss und die Freude von der Sucht und der Trostlosigkeit trennt. Gerade weil Alkohol in der westlichen Gesellschaft als traditionelles Kulturgut gilt und überall problemlos erhältlich ist, haben gefährdete Menschen es schwer: Solange sich der Missbrauch in gesellschaftlich tolerierten Grenzen bewegt, setzt es wohl den einen oder anderen lockeren Spruch, eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der drohenden Abhängigkeit findet jedoch kaum statt. Wenn der erkrankte Mensch dann abstürzt, seiner Umgebung 'Schande' macht und schlichtweg nicht mehr funktioniert, ist Unterstützung und Hilfe wesentlich schwieriger zu leisten als im frühen Stadium. Auch deshalb setzen Bund, Kantone und Gemeinden auf Vorbeugung. Damit wird nicht nur viel persönliches Leid verhindert, sondern auch die Volkswirtschaft geschont: Schwere Verkehrsunfälle, Gewalttaten, aber auch Selbstunfälle oder psychische und physische Verletzungen bei betroffenen Kindern verursachen horrende Langzeitkosten für die Gesellschaft.
Jede fünfte Person Das Thema Alkoholmissbrauch ist in der Schweiz gut untersucht und dokumentiert, es mangelt nicht an Fakten: Jede fünfte Person in der Schweiz trinkt Alkohol missbräuchlich, was bedeutet, dass sie regelmässig zu viel, zu oft oder zur falschen Zeit trinkt. Rund 250'000 Personen sind in der Schweiz alkoholabhängig, was ungefähr der Einwohnerzahl des Kantons Thurgau entspricht. Dass Alkoholmissbrauch krank macht, wird ebenfalls mit Zahlen belegt: Mehr als 60 Krankheiten stehen in Zusammenhang mit Alkoholmissbrauch. Jedes Jahr sterben über 600 Personen an Leberzirrhose, die durch Alkoholmissbrauch entstanden ist. Im Jahr 2010 wurden rund 27'000 Personen wegen einer Alkoholvergiftung oder wegen Alkoholmissbrauchs hospitalisiert. Und besonders schlimm: Bei jedem siebten Verkehrsunfall mit Toten oder Schwerverletzten ist Alkohol im Spiel. Drei von fünf Fälle häuslicher Gewalt werden unter Alkoholeinfluss verübt. Und zwei von fünf Gewalttaten, bei denen die Polizei eingreifen muss, werden von Alkoholisierten begangen.
Es hilft Prävention, schreibt das Bundesamt für Gesundheit zur Woche des Dialogs, ist kein frommer Wunsch, sondern ein Verfassungs- und Gesetzesauftrag, den das Volk dem Bundesrat erteilt hat und dessen Ausführung durchaus messbare positive Folgen hat: Seit im Jahr 2005 die 0,5-Promille-Grenze im Strassenverkehr eingeführt wurde, gab es weniger schwere Verletzungen. Seit im Kanton Genf der Verkauf von Alkohol ab 21.00 Uhr in Läden, an Tankstellen und in Videotheken verboten ist, sind die Alkoholvergiftungen unter den 10- (!) bis 29-Jährigen um 35 Prozent zurückgegangen. Es ist bewiesen, dass Alkohol-Testkäufe mit entsprechenden Folgen für Fehlbare dazu führen, dass weniger Alkohol an Jugendliche abgegeben wird. Und: Die Sondersteuer auf Alcopops, die 2004 zum Schutz von Jugendlichen eingeführt wurde, hat eine Reduktion der Importe um über 60 Prozent bewirkt.
Es versteht sich, dass die aktuelle Kampagne des Bundes und der Kantone nicht zu solch messbaren Resultaten führen kann. Überall dort aber, wo ein Gespräch in der Familie oder unter Freunden möglich wird, wo ein Kontakt zu einer Beratungsstelle geknüpft werden kann oder ein einsamer, aber wirkungsvoller Entscheid für eine Therapie gefällt wird, hat die Kampagne ihren Zweck erfüllt.
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