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'Schlampiges Vorgehen ist verboten'

Ein Singener Unternehmen hat sich hohe Ziele gesetzt: Bis im Jahr 2030 soll die Energieversorgung in der Bodenseeregion weitgehend auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Steigende Strompreise könnten bei der Umsetzung helfen.

Thomas Leuzinger

Eine der fortschrittlichsten Regionen in Sachen erneuerbare Energien befindet sich gleich auf der andern Seite der Grenze zu Deutschland. Ein Drittel aller deutschen Bioenergiedörfer liegen in der Nachbarschaft von Schaffhausen, und grossflächige Solaranlagen sind dort – im Gegensatz zur Schweiz – keine Seltenheit. Der Anteil erneuerbarer Energien hat sich in Deutschland in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Das Nachbarland bietet einen fruchtbaren Boden für die Solarcomplex, die sich die Förderung erneuerbarer Energien auf die Flagge geschrieben hat. Das zeigt sich etwa auch darin, dass beim nördlichen Nachbarn nur über längere Laufzeiten für Kernkraftwerke diskutiert wird, um ein drohendes Energieloch zu stopfen, und nicht über einen Neubau wie hierzulande.

Als kleine GmbH gestartet
Einen wichtigen Beitrag zu dieser Entwicklung im Bodenseeraum leistet Solarcomplex. Seit zehn Jahren ist die Singener Firma im Geschäft und liefert unterdessen jährlich 40 Millionen Kilowattstunden Strom und Wärme, was rund einem Viertel der Leistung des Wasserkraftwerks in Schaffhausen entspricht. Allein mit den kleineren standardisierten Solarkraftwerken, die Solarcomplex für einen Festpreis auf Hausdächern installiert und wartet, können 2000 Haushalte mit erneuerbarer Energie versorgt werden. Daneben betreibt das Singener Unternehmen selbst zwei gros­se Freiland-Solaranlagen, zwei Biogasanlagen, 25 Kilometer Wärmenetz und einige Holzenergie-Anlagen. Bisher umfassen die Projekte der Solarcomplex ein Investitionsvolumen von rund 65 Millionen Euro. Eine beachtliche Bilanz für die Firma, die vor zehn Jahren als GmbH mit zwanzig Gesellschaftern und einem Grundkapital von 37’500 Euro startete.

Ein 'Bürgerunternehmen'
Den Titel 'Bürgerunternehmen' hat sich Solarcomplex nicht zufällig gegeben. Entstanden ist das Unternehmen aus den Singener Werkstätten, einer Denkwerkstatt, deren Mitglieder sich einmal in der Woche trafen, um Bücher zu besprechen, Exkursionen zu machen und über Missstände in der Gesellschaft wie Armut oder eben Klimawandel und Energieknappheit zu diskutieren. 'Wir waren schon so was wie Freigeister', meint Müller. Je länger sich die Singener in ihrer Denkwerkstatt trafen, desto mehr entwickelte sich auch ein gemeinsamer Geist. 'Wir hatten irgendwann den Wunsch, nicht mehr nur im Konjunktiv über unsere Pläne zu sprechen.'

Nach einer Analyse befanden sie, dass die Energieversorgung das Thema des nächsten Jahrhunderts werden wird, und im September 2000 entstand das Unternehmen. Das Ziel: Die Energieversorgung in der Region bis 2030 auf erneuerbare Energien umstellen. Angestellt waren nur Achim Achatz und Bene Müller, die heutigen Vorstandsmitglieder von Solarcomplex. Zunächst arbeiteten aber beide ein Jahr ohne Gehalt für das Projekt.

Am ersten Projekt, einer Solaranlage auf dem Dach eines Gymnasiums mit 18 Kilowatt Leistung, beteiligten sich 94 Personen mit einem Mindestbetrag von 500 Mark. Zur Bank zu gehen, trauten sie sich noch nicht. Seitdem hat die Technik Fortschritte gemacht, und die Anlagen sind billiger geworden. Heute finanzieren manche Privatpersonen alleine eigene Anlagen mit über 100 Kilowatt Leistung.

Auch die Dimensionen im Unternehmen, das unterdessen 20 Mitarbeiter zählt, haben sich verändert. Manche der über 700 Aktionäre haben bis zu einer halben Mil­lion Euro in Solarcomplex investiert. Bei einer neuen Investition von vier Millionen Euro kann das Unternehmen heute selbst eine Million Eigenkapital beisteuern – der Rest kommt von der Bank. 'In den letzten zwei Jahren hat sich der Gewinn verdoppelt und das Anlagevermögen sogar vervierfacht', sagt Müller. Unterdessen nennt sich Solarcomplex 'regeneratives Stadtwerk'.

Meilenstein Windkraft
Die neuesten Projekte sind die Bioenergiedörfer. Das erste in Baden-Württemberg entstand 2006 in Mauenheim unter der Regie von Solarcomplex. Seitdem hat das Unternehmen in vier weitere Dörfer investiert. Im Moment ist man gerade an der Umsetzung in Büsingen. Der Anreiz für dieses Modell ist für Müller offensichtlich: Biogasanlagen produzieren nicht nur Energie, sondern auch Abwärme. 'Wir können uns nicht leisten, auch bei den erneuerbaren Energien schlampig vorzugehen', sagt er. 'Da verpufft jährlich die Energie von Millionen Litern Heizöl.' Diese Wärme wird in Mauenheim nun über ein Wärmenetz zurück in die Haushaltungen geleitet.

Bereits in diesem Jahr wird das Energieunternehmen einen weiteren Meilenstein in der Firmengeschichte erreichen: Der Bau des ersten Windkraftwerks in St. Georgen im Schwarzwald beginnt noch in diesem Jahr. Ab Mitte 2011 soll es über drei Millionen Kilowattstunden sauberen Strom pro Jahr liefern. Das Potenzial für Windkraft in der Region Hegau-Bodensee schätzt Solarcomplex auf weitere 140 Millionen Kilowattstunden.

Dass das Potenzial auf dem Energiemarkt nicht unbegrenzt ist und das Wachstum der erneuerbaren Energien auf Kosten der fossilen Brennstoffe erfolgen muss, ist auch Bene Müller klar. 'Der Energiemarkt ist ein Verdrängungsmarkt', sagt er. 'Gesättigt ist der Markt für erneuerbare Energien aber keinesfalls. Ansonsten hätten wir im letzten Jahr nicht 4,5 Millionen Euro für weitere Investitionen sammeln können. Es wird interessant, wie andere Akteure reagieren werden.' Allenfalls bei den Biogasanlagen sieht er das Limit mit 32 Stück im Landkreis Konstanz erreicht, da sie Energiepflanzen und Fläche benötigen.

Den Solaranlagen hingegen sind so schnell keine Grenzen gesetzt. 'Auf jeden Quadratmeter Fläche strahlen jährlich 1200 Kilowattstunden Sonnenenergie, was bei einem Wirkungsgrad von 50 Prozent bei Solarkollektoren eine Einsparung von 60 Liter Heizöl bedeutet', erklärt Bene Müller. Auch der Druck auf denkmalgeschützte Ortskerne wird seiner Meinung nach steigen. 'Längerfristig wird sich die jetzige Haltung nicht bewahren lassen.' Auch die Besitzer solcher Liegenschaften würden sich bei steigenden Preisen irgendwann keine Ölheizung mehr leisten wollen.

Eine Frage der Wirtschaftlichkeit
'Mit ökologischen Argumenten wird man die Menschen nicht bewegen können', sagt er. 'Es ist eine Frage der Wirtschaftlichkeit.' Er zählt auf steigende Ölpreise, durch welche die erneuerbaren Energien konkurrenzfähig würden. Dass die Treibstoffpreise bis in zehn Jahren auf über zwei Euro pro Liter steigen werden – wie schon die Grünen gefordert hatten –, darauf würde Müller eine Wette abschliessen. 'Die Preise für fossile Brennstoffe können nur steigen', sagt er. 'Damit steigt auch der Leidensdruck.' Er sieht die erneuerbaren Energien im Aufwind: 'Die Leute kriegen mit, dass man damit auch Geld verdienen kann', so Müller. So konnte Solarcomplex den Aktio­nären in den vergangenen Jahren jeweils fünf Prozent Dividenden ausschütten.

Bene Müller ist überzeugt, dass die Ziele von Solarcomplex realistisch sind. 'Allerdings nur, wenn alle mitmachen', meint er. 'Es ist im Grunde absurd, dass die Energie im Moment so billig ist. Viele Leute – gerade auch Politiker – verdrängen das.' Die ehrgeizigen Ziele lassen sich nur durch den Fortschritt in der Technologie realisieren. 'Wenn das Tempo der Entwicklung auf dem heutigen Niveau bleibt, werden wir das garantiert nicht schaffen.'

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